Zwischen Lenkrad und Stadtplan

Wer die Zukunft unserer Städte mitgestaltet, muss sich mit persönlicher Mobilität und städtebaulichen Prinzipien auseinandersetzen. Ein Blick in den täglichen Balanceakt zwischen Auto und Architektur.

  • Text: Markus Schaefer
  • Foto: Jos Schmid
Zwischen Lenkrad und Stadtplan

Ich fahre gerne Auto. Ich mag das geräuschlose Gleiten meines E-Fahrzeugs, die mühelose und kraftvolle Beschleunigung, die ich jederzeit zur Verfügung habe. Ich schätze den grosszügigen Innenraum, in dem ich unsere grossen, liebevoll erstellten Architekturmodelle oder meine lebhaft diskutierende Patchwork-Familie transportieren kann; und ja, auch die Flügeltüren geben mir einen Kick, wenn sie wie die Flügel einer Mutterhenne meine Neffen und Nichten einsammeln. Aber eigentlich dürfte ich diese Zeilen gar nicht schreiben.

Städtebau für Menschen
Als Städtebauer bin ich für den Masterplan Zürich HB mitverantwortlich, der den Stadtraum um den Hauptbahnhof künftig weitgehend autofrei vorsieht. Der heutige automobile Transitverkehr wird neu grossräumig um das Gebiet geleitet, um Platz für täglich fast eine halbe Million Passagiere zu schaffen sowie einen lebendigen, grünen Stadtraum. Viele unserer Städtebauprojekte, von Lettland über Deutschland und die Schweiz bis Slowenien, sind bewusst autoarm und mit Fussgängerzonen geplant. Als Architekten entwerfen wir Bahnstationen oder Wohnbauten von 36 bis 500 Wohnungen meist mit einem reduzierten Stellplatzschlüssel. Städtische Dichte, wenn gut gemacht, bedeutet Austausch und Chancen, Kultur und Lebensqualität, jene bunte Intensität, die wir suchen, wenn wir in die Ferien fahren. Um Innenverdichtung zu ermöglichen, müssen wir lokale Mobilität neu denken.

Perspektiven der neuen Mobilität
Auch mein Fahrzeug ist nicht ohne Widersprüche: Es ist und bleibt ein grosses SUV, in der Stadt unerwünscht und oft auch unpraktisch. Gleichzeitig ist es spannend zu erleben, wie konsequent das Nutzererlebnis gestaltet ist: ein vernetztes System aus Datentechnologie, intelligenter Navigation, Ladeinfrastruktur, Produktion und Zukunftsplänen bis hin zu autonomen Funktionen und robotergestützten Diensten. Ein Beispiel dafür, wie Mobilität als ganzheitliches System neu gedacht werden kann.

Unterwegs im Spannungsfeld
In diesem Spannungsfeld zwischen lokalen Herausforderungen und globaler Neuerfindung positioniert sich die Automobilindustrie gerade neu, mit weitreichenden Auswirkungen auf Produkte und Geschäftsmodelle. Aber auch wir als Gesellschaft brauchen ein gemeinsam getragenes Verständnis, um in einer sich verändernden Welt zusammenzuleben.

Ich wünsche mir ein grosszügiges und anpassungsfähiges Sowohl-als-auch anstatt polarisierte Diskussionen zwischen städtischen Lastenvelofahrerinnen und SUV-Lenkern der Agglomeration. Dann wird es auch einfacher, nicht über Staus zu klagen (denn Stau, das sind ja immer die anderen), sondern auch einmal den Zug zu nehmen oder sich auf das Fahrrad zu schwingen. Denn letztlich geht es darum, alle Formen der Fortbewegung so zu verbinden, dass sie sich gegenseitig ergänzen – und ein Stadtbild entsteht, in dem alle Verkehrsteilnehmenden ihren Platz finden.

Er ist Gründungspartner von HOSOYA SCHAEFER ARCHITECTS gemeinsam mit Hiromi Hosoya. Das Büro arbeitet in den Bereichen Architektur und Ausführung, Städtebau, Forschung sowie strategische Planung und Beratung. Schaefer studierte Architektur an der Harvard GSD und Neurobiologie an der Universität Zürich. Er arbeitete bei OMA/Rem Koolhaas in Rotterdam und war Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Lehrbeauftragter, u. a. am Berlage Institute, am Strelka Institute in Moskau sowie an der Harvard GSD. Er ist Präsident von Switzerland Innovation Park Central.

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